Gegen das Vergessen: Ein weiterer, trauriger Brief aus Kiew

Kann man als Christ neutral sein?

Einleitende Worte

Während wir in der Schweiz darüber diskutieren, ob unsere Neutralität noch strenger, noch unangreifbarer und noch bequemer werden soll, schreibt mir ein Freund aus Kiew.

Seit fünf Nächten schläft er kaum noch. Raketen und Drohnen kreisen über der Stadt. Häuser brennen. Lebensmittelgeschäfte schliessen. Lagerhallen sind zerstört. Während des Gottesdienstes hört die Gemeinde die Explosionen – und feiert trotzdem weiter.

Und plötzlich klingt das Wort Neutralität anders.

Natürlich braucht ein Staat Neutralität als politisches Instrument. Aber Neutralität darf niemals bedeuten, dass wir Täter und Opfer auf dieselbe moralische Ebene stellen.

Denn spätestens dort beginnt für mich die christliche Frage:

Kann ich neutral bleiben, wenn ein Mensch geschlagen wird?
Kann ich neutral bleiben, wenn Städte bombardiert werden?
Kann ich neutral bleiben, wenn Menschen nachts in Kellern sitzen und nicht wissen, ob sie den Morgen erleben?

Jesus war erstaunlich selten neutral.

Er stellte sich neben die Ausgestossenen.
Er widersprach den Mächtigen.
Er berührte jene, von denen andere Abstand hielten.
Und er erzählte von einem Samariter, der am Verwundeten eben nicht neutral vorbeiging.

Christlicher Glaube bedeutet nicht, jeden Krieg gutzuheissen. Ganz im Gegenteil. Wir müssen dem Frieden verpflichtet bleiben.

Aber Frieden ist nicht dasselbe wie Wegschauen.

Und Neutralität darf nicht zur eleganten Bezeichnung für Gleichgültigkeit werden.

Wenn einer den anderen schlägt, besteht meine Aufgabe als Christ nicht darin, mich in die Mitte zu stellen und zu erklären, ich sei gegenüber beiden Seiten gleichermassen neutral.

Meine Aufgabe ist zuerst, zum Verwundeten zu gehen.

Vielleicht müssen wir deshalb gerade jetzt sehr genau unterscheiden:

Die Schweiz kann neutral sein. Unser Gewissen darf es nicht sein.

Stefan Staub, Diakon


Kiew, Sonntag, 30.8.26

Hallo, mein lieber Freund!

Ich hoffe, es geht dir gut. Wirklich. Wir werden seit fünf Tagen fast ununterbrochen beschossen. Vorher war es schon recht häufig. Aber an meinem Geburtstag, dem 26. August, fing es um 17 Uhr an, und seitdem regnet es fast jeden Tag. Selbst jetzt noch ist Alarm. Ständig fliegen sie über Kiew. Es gibt so viel Zerstörung. Man kann kein Fenster öffnen. Rauch und der erstickende Geruch von Feuer. Die Anzahl der Raketen und Drohnen wird nicht mehr gemeldet. Sie sagten, sie würden keine Informationen herausgeben, damit die Leute nicht in Panik geraten. Nun ja, hier sind alle taub und blind. Sie können nichts sehen oder hören. Wir sind seit fünf Nächten praktisch wach. Aber wir gehen nicht in die Schutzräume. Es hat keinen Sinn. Mehrere Schutzräume in unserer Gegend wurden bereits von Raketen getroffen. In einem starben 26 Menschen, in einem anderen 12.

Es ist bemerkenswert, dass dieser furchtbare und anhaltende Beschuss begann, nachdem der CIA-Direktor am Samstag Putin getroffen hatte. Viele verstehen diese einfache Tatsache nicht oder wollen sie nicht verstehen: Amerika hat uns an Russland verraten. Die Amerikaner haben uns, wie immer, verraten. Wie in Afghanistan, wie in Vietnam, wie in so vielen anderen Ländern. Russland hat auch alle verraten: Jugoslawien, Irak, Syrien, Armenien. Und jetzt haben sie uns verraten. Deshalb werden sie uns vollständig zerstören. Das Pentagon hat dem Kreml freie Hand gelassen. Vorgestern explodierte ein Munitionsdepot in der Nähe von Kiew. Es enthielt neue Patriot-Raketen. Woher wussten die Russen davon?
Auf dem Gelände eines Trinkwasserwerks. Die Amerikaner haben uns schlichtweg verraten.

Deshalb kreisen bereits Raketen und Drohnen über Kiew und der Region, als wären sie zu Hause.

In den letzten fünf Tagen haben die Russen der Moral unseres Volkes einen schweren Schlag versetzt. Die Menschen sind einfach nur verzweifelt und zutiefst entmutigt. In all den Kriegsjahren hätte man dem Volk keinen so schweren Schlag versetzen können wie heute.

Aber wir leben. Ich weiß nicht, wie lange wir noch durchhalten können. Aber wir halten durch. Heute waren während des gesamten Gottesdienstes Explosionen zu hören, aber wir haben ihn trotz des Heulens der Alarme und des Dröhnens der Explosionen abgehalten. Es war ein sehr schöner Gottesdienst. Wir betrachten jeden Tag als ein Geschenk Gottes. Es ist wahrlich Gottes Gnade und Barmherzigkeit für uns. Die meisten Lebensmittelgeschäfte in Kiew schließen. Die Lagerhäuser aller großen Supermarktketten wurden zerstört. Sie versprechen, Lebensmittel zu liefern, sobald der Beschuss aufhört. Aber wann wird er aufhören? Wir haben noch Lebensmittel in unserer Kirche; letzten Monat habe ich Lebensmittel, Öl, Nudeln, Mehl, Zucker und Dosenfleisch gekauft. Ich wollte damit Lebensmittelgeschenke für das Erntedankfest zubereiten, das wir für den 27. September geplant hatten, aber vielleicht müssen wir sie früher verteilen. Ich weiß es nicht. Wir müssen darüber nachdenken. Viele Menschen haben Kiew in diesen Tagen verlassen. Mein Nervensystem kann das nicht verkraften.

So sind die Tage nun mal. Das war mein Geburtstag. Wir feiern immer noch. Das Feuerwerk und der Lärm hören nie auf.

Vielen Dank für eure Gebete und eure Liebe. Sie wärmen und stärken uns sehr.

Danke, lieber Bruder….
Andrji Monakov, Pastor

Wir benutzen die Ladestation schon. Danke und Ehre sei Gott. Liebe Grüße und Umarmungen.

Der 68jährige Pfarrer Andrji Monakow kam zu Beginn des Ukrainekrieges im März 2022 mit 120 weiteren Frauen, Kindern und älteren Menschen nach Teufen. Er kehrte bereits wieder im September 2022 nach Kiew zurück um dort als Seelsorger zu leben und für seine Landsleute zu wirken.